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Brief 10
 

Brief 10

An meine Freunde, mögen sie lang leben,

Ich bin darüber verwundert, von niemandem ein geschriebenes Wort erhalten zu haben, hatte ich doch damit gerechnet, das Werk eines Jeden zu erhalten, also dass jeder seine Taten erläutert, im Sinne von “Wenn ich sehe Deinen Himmel, deiner Finger Werk” (Psalm 8:4). “Deinen Himmel”, also Arbeiten für den Schöpfer, die am Werk deiner Finger zu erkennen sind. D.h. dadurch, dass jeder sich bemüht, darauf hin zu arbeiten, die “Shechina aus dem Staub zu erheben”, damit sich [der Vers] erfüllt: “Und jeder zeigt mit seinem Finger und sagt, hier ist unser Gott” (Taanit 31a), etc.

Man muss wissen, dass die Arbeit in der Rechten [Linie] stattfindet, wie es geschrieben steht: “Du aber sollst arglos sein mit dem Schöpfer” (5. Mose 18:13). Der Mensch soll in Arglosigkeit gehen, also daran glauben, dass der Schöpfer vollkommen und ohne Makel ist. Dies kann man nur in “die Rechte des Schöpfers ist erhoben [bzw. erhaben]” (Psalm 118:16) fühlen, also in der Erhabenheit des Schöpfers. Man muss sich also die Größe des Schöpfers ausmalen.

Und mit allem, was der Mensch tut, dient er dem Schöpfer, und jedes erfüllte Gebot bringt dem Schöpfer Freude; und wenn der Mensch betet, dann hört der Schöpfer seine Preisungen und Loblieder, die der Mensch dem Schöpfer singt.

Man muss jedoch auch folgendes anmerken: gibt es nicht [auch] einige Menschen auf der Welt, denen der Schöpfer nicht die Gelegenheit gewährt, Ihm zu dienen und Freude zu bereiten, sondern die Er fernhält? Auch wenn sie irgendein Gebot erfüllen, werden sie nicht würdig, oder sie glauben nicht, dass der Schöpfer die Taten der Unteren sieht, hört, annimmt oder schätzt; und der Schöpfer hält sie fern, indem er ihnen nicht die Gelegenheit gewährt, zu denken oder zu tun oder zu glauben (wen dagegen der Schöpfer sich näher bringen möchte, dem gibt Er gute Gedanken, dass er also bei der Erfüllung des Gebotes daran denkt, dass er das Gebot zum Wohle des Schöpfers erfüllt), oder einfach beim Aufsagen eines Segensspruches, wenn er [den Segensspruch] aufsagt: “Dessen Wort alles erschaffen hat”, dann tut er dies aus der Gewohnheit heraus, und während der Handlung legt er es nicht auf sein Herz, dass er zum Schöpfer spricht.  Oder überhaupt, wenn er nicht einmal aus Gewohnheit die Gelegenheit bekommt, einen Segensspruch aufzusagen.

Wenn sich der Mensch ausmalt, der Schöpfer gebe ihm die Gelegenheit, ein einziges Gebot zum Gefallen des Schöpfers zu erfüllen, auch nur ein einziges Mal im Monat, und dem Schöpfer auch nur ein einziges Mal im Monat zu dienen, dann genüge ihm das. Abaye sagte: “Wenn dem so ist, dann muss es im Stehen aufgesagt werden”. “Stehen” nennt sich, wie wir wissen, die Vollkommenheit einer Stufe.

Der Mensch muss also aufrecht stehen, und sich freuen, wenn ihm die Gelegenheit gegeben wird, dem König zu dienen, während es anderen Menschen verwehrt it. Dann ist der Schöpfer vollkommen. D.h. man muss sagen, dass der Name des Schöpfers, also “Gut und gütig”, sich dem Menschen in vollkommener Perfektion enthüllt und leuchtet.

Doch auch für einen vollkommenen Menschen, also jemanden, der ein zusätzliches Vorteil in der Thora, den Geboten und guten Taten hat, [trifft das zu]. Denn wie viel der Mensch auch tut, um dem Schöpfer zu dienen, gebührt es ihm nicht. Denn der Mensch muss [wissen], dass es viele Menschen auf der Welt gibt, denen der Schöpfer nicht gewährt, auch nur irgendwas zu Seinem Wohle zu tun.

Der Mensch muss aber auch in der linken Linie gehen, also im Geiste der Kritik, ob es wahr sei, ob sein Glaube vollkommen sei, ob seine Taten rein und heilig seien, ohne Abwege, ob der Name “Gut und gütig” in seinen Gliedern absorbiert sei etc.

Dann streitet die linke Linie mit der rechten Linie. Denn wenn der Mensch ein gerechtes Urteil trifft, sieht er, dass alles umgekehrt ist. Daraufhin streiten die Linien miteinander, rechts und links. Wenn man sich dann nicht mit der mittleren Linie befasst, dann eliminiert die linke Linie die Rechte, und es gilt, “Seine Weisheiten sind mehr als seine Taten”, d.h. seine Kritik überwindet die guten Taten, die er tut.

Sodann fällt er in die Hölle, die aus der linken Linie resultiert. Es gibt die Hölle des Feuers des Verlangens, und [es gibt] den Schnee – dass er sich von der Arbeit abkühlt, und keine Lust mehr hat; er will nur ruhen, und faulenzen, und schlafen, etc. Man muss [dies] überwinden und beten, der Schöpfer möge sich vom Himmel erbarmen, dass man es schaffe, die mittlere Linie heranzuziehen, also die linke Linie der rechten zu unterstellen. [Der Mensch] muss also sagen, auch wenn der kritische Geist den Verstand anderweitig zwingt, gehe ich über dem Verstand.

Daraus kann man schlussfolgern, dass die mittlere Linie die Rechte verbessert. Als er also zuvor der rechten Linie folgte und die Linke heran zog, dachte er, auch der Verstand würde die Logik der Arbeit für den Schöpfers bekräftigen. Nachdem er jedoch die Linke heran zog, sich aber für die Rechte entschied, wurde deutlich, dass er die Rechte wählt, auch wenn er vonseiten der Linken eine andere Meinung hat.

Deswegen muss man, wenn man dabei ist, die Arbeit in der linken Linie heranzuziehen, bedenken, dass die Absicht darin bestehen soll, zu zeigen, dass der Mensch die Rechte wählt, auch wenn es die Linke gibt. Aus diesem Grund muss man die Zeiten der Arbeit aufteilen. Das Eine soll sich mit dem Anderen nicht vermischen.

Ich habe die Rückseite (Achoraim) der drei Linien beschrieben, und wenn man würdig wird, setzt man die drei Linien im Angesicht (Panim) fort.

Euch sollen die Einschreibung und Besiegelung [im Buch des Lebens] zuteil werden, von mir, eurem Freund Baruch Ashlag, nach Worten meines Lehrers und Vaters Baal Sulam.